Reizdarmsyndrom: Ganzheitlich betrachten und individuell beraten

Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall – viele Menschen leiden an Beschwerden des Gastrointestinaltraktes. Nur ein kleiner Teil davon geht mit diesen Problemen in eine Arztpraxis. Und das ist ein Problem! Denn was schnell mal als ein bisschen Bauchweh abgetan wird, können erste Anzeichen für ein Reizdarmsyndrom sein. In Deutschland suchen nur etwa 30 Prozent der Betroffenen einen Arzt oder eine Ärztin auf. Die Prävalenzzahlen schwanken weltweit und reichen von 7 bis 25 Prozent. (1) Ein Grund mehr über das Thema aufzuklären und Darmbeschwerden ernst zu nehmen sowie ganzheitlich zu betrachten. Denn nur so kann ein Reizdarmsyndrom sauber diagnostiziert und behandelt werden.  

Der Weg zur Diagnose „Reizdarmsyndrom“

Im ersten Schritt muss vom Gastroenterologen oder von der Gastroenterologin geprüft werden, ob die folgenden drei Diagnosekriterien für das Reizdarmsyndrom erfüllt sind: Erstes Kriterium sind chronische, also länger als drei Monate anhaltende Beschwerden, wie Bauchschmerzen und Blähungen sowie Veränderungen im Stuhlgang. Diese Beschwerden müssen so stark sein, dass ein Arzt oder eine Ärztin aufgesucht wird und die Lebensqualität deutlich beeinträchtigt ist, was Kriterium zwei entspricht. Abschließend müssen als drittes Kriterium andere Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden auslösen, durch geeignete Untersuchungen ausgeschlossen werden. (2) Auf Warnsymptome, wie Entzündungszeichen, Blut im Stuhl, nächtliche Beschwerden oder Anämien zu achten ist essenziell, da diese Indizien für andere Erkrankungen sein können. Besonders wichtig ist dabei auch die Stuhldiagnostik, denn vielen Patient*innen ist nicht klar, was ein normaler Stuhlgang ist, sowohl hinsichtlich der Stuhlfrequenz als auch seiner Beschaffenheit. Hier gilt es das offenes Gespräch zu suchen und Hilfsmittel wie die Bristol Stuhlformen Skala zu nutzen. Gelangt man schlussendlich zur Diagnose Reizdarmsyndrom, ist diese mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig, da die Zuverlässigkeit einer Reizdarmsyndrom-Diagnose sehr hoch ist und selten zu einem späteren Zeitpunkt geändert wird. (3)

Und dann? Nach der Diagnose kommt die (Ernährungs-) Therapie

Für die Ernährungstherapie von Reizdarmpatient*innen gibt es keine Allzweck-Diät. Jeder Mensch muss für sich betrachtet werden. Neben der ausführlichen Anamnese und dem Beurteilen der ärztlichen Befunde ist ein Ernährungs-Symptom-Tagebuch das Mittel der Wahl, um Bauchbeschwerden auf den Grund zu gehen. Es ist die Basis der Ernährungstherapie und bietet die Möglichkeit, jede Unverträglichkeit individuell zu betrachten, Triggerfaktoren zu ermitteln und Probleme sichtbar zu machen. Viele Darmbeschwerden sind „hausgemacht“.

Hierbei geht es vor allem um die Bedeutung des Duodenums für die Verdauungsphysiologie. Dort findet die hormonelle Regulation der Verdauung statt, die durch eine ungünstige Zusammensetzung der Nahrung gestört werden und so zu Beschwerden führen kann. Wer sich jedoch ausgewogen ernährt, mit einem großen Gemüseanteil und angemessenen Protein-, Kohlenhydrat- und Fettgehalten in jeder Mahlzeit sorgt für viele positive Effekte auf die Verdauungsphysiologie und kann so Darmbeschwerden vorbeugen. Dazu zählt auch eine Ernährung, die die Diversität und Menge der Mikrobiota fördern. Eine aktuelle Veröffentlichung von Marco et al. 2020 empfiehlt sogar, eine tägliche Aufnahme von Mikroorganismen in offizielle Ernährungsempfehlungen aufzunehmen.(4) Dies könnte am einfachsten in Form fermentierter Milchprodukte wie Joghurt, Buttermilch oder Probiotika geschehen. Das Beratungskonzept aus Sicht der Ernährungstherapie bei Reizdarmsyndrom umfasst die Säulen der Linderung von Beschwerden, der Optimierung von Essgewohnheiten und einer Verbesserung der Mikrobiota.

Die Informationen wurden auf Grundlage des Medcram Live-Fortbildung vom 20. April 2021 mit dem Titel „Reizdarmsyndrom: Behandlungsoptionen ganzheitlich betrachtet“ mit den Referentinnen PD. Dr. med. Miriam Goebel-Stengel und Dr. oec. troph. Maike Groeneveld zusammengestellt. Die Live-Fortbildung ist hier online abrufbar.

Quellen (1) http://dasgastroenterologieportal.de/Reizdarmsyndrom.html (2) Layer et al. (2011): Deutsche S3 Leitlinie Reizdarmsyndrom. https://www.dgvs.de/wissen/leitlinien/leitlinien-dgvs/reizdarmsyndrom/ (3) Ownes et al. (1995): The Irritable Bowel Syndrome: Long-Term Prognosis and the Physician-Patient Interaction. Ann Intern Med, https://doi.org/10.7326/0003-4819-122-2-199501150-00005 (4) Marco et al. (2020): Should There Be a Recommended Daily Intake of Microbes? The Journal of Nutrition, Volume 150, Issue 12, December 2020, Pages 3061–3067, https://doi.org/10.1093/jn/nxaa323