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Science meets Social Media: Wie lässt sich evidenzbasierte Gesundheitskommunikation auf Social Media stärken?

Soziale Medien sind für viele Menschen heute eine zentrale Anlaufstelle, wenn es um Gesundheits- und Ernährungsfragen geht. Eine aktuelle Online-Befragung verdeutlicht die Relevanz: Rund 72 % der 18- bis 49-Jährigen nutzen digitale Medien für Informationen zu Essen und alltagsnahen Ernährungsfragen. Gleichzeitig ist die Unterscheidung zwischen seriösen und unseriösen Informationen im Feed oft schwierig.

 

Für Fachkräfte (HCPs) kann das zugleich frustrierend sein: Differenzierte Einordnung konkurriert in einem Umfeld, in dem Plattformlogiken häufig Inhalte begünstigen, die Emotionen auslösen, polarisieren und viele Interaktionen erzeugen.

Vor diesem Hintergrund lud Yakult Science for Health am 6. November 2025 zur Veranstaltung „Science meets Social Media: Zwischen Fakten und Followern“ ein. Das daraus entstandene Best Practice Paper von Nutrition Hub bündelt Impulse aus Vorträgen und Diskussionen, ordnet sie mit Literatur aus Gesundheits- und Kommunikationsforschung ein und formuliert eine klare Leitidee: Wirkung entsteht nicht durch Rückzug, sondern durch kluge Mitgestaltung – passend zur eigenen Rolle im System.

 

Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen – von der Komplexität des Mikrobioms bis hin zur Kunst der „Snackable Science“ – und ergänzt sie um praxisnahe Module für evidenzbasierte Gesundheitskommunikation auf Social Media. Damit Evidenz im Alltag (und im Feed) verständlich, korrekt und verantwortungsvoll ankommt.

Science meets Social Media: Das Wichtigste auf einen Blick

 

Inhaltsübersicht

Fakten im Feed: Warum Kontext zur Kernkompetenz wird

Social Media ist längst zum wichtigen alltagsnahen Informationsraum gewachsen, zunehmend auch für Fachinformationen. Inhalte prägen, was Menschen für glaubwürdig halten, welche Trends sie ausprobieren und welche Ernährungsentscheidungen sie im Alltag treffen. Daraus ergeben sich drei strukturelle Herausforderungen, die evidenzbasierte Geusndheitskommunikation auf Social Media erschweren: Informationsflut bei sinkender Gesundheitskompetenz, Bevorzugung emotionaler Kurzformate sowie fehlende Ressourcen und Finanzierungsmodelle für kontinuierliche, qualitätsgesicherte Inhalte.

Gerade der letzte Punkt ist für HCPs zentral: Digitale Präsenz findet häufig „nebenbei“ statt, obwohl gute Inhalte Zeit, Professionalität und Kontinuität benötigen. Wenn Evidenz sichtbarer werden soll, braucht es daher nicht nur einzelne engagierte Akteur:innen, sondern auch Rahmenbedingungen, die qualitätsgesicherte Kommunikation ermöglichen.

Gleichzeitig gilt: Der Algorithmus entscheidet maßgeblich, was sichtbar wird und belohnt häufig Inhalte, die Emotionen auslösen und Interaktion erzeugen. Wissenschaftliche Kommunikation muss deshalb aktiv Kontext, Unsicherheit und Grenzen mitliefern. Sonst setzt sich im Feed oft das durch, was am stärksten vereinfacht.

Mikrobiom: Komplexität verständlich und anschlussfähig erklären

Wenn wir über Darmgesundheit sprechen, verlassen wir oft das Terrain der einfachen Antworten. Das humane Mikrobiom ist kein starres Gebilde, sondern ein dynamisches Ökosystem aus Bakterien, Archaeen, Pilzen und Viren, dessen Zusammensetzung und Funktionen u. a. mit Lebensstil, Ernährung, Umweltfaktoren und Medikamenten in Verbindung stehen können.
Schnell entstehen im Alltag dagegen Schwarz-Weiß-Erzählungen („gute“ vs. „schlechte“ Bakterien), die fachlich oft zu kurz greifen.

Dr. Corinna Bang brachte es in ihrer Key Note auf den Punkt:

„Das Mikrobiom ist so individuell wie ein Fingerabdruck.“.

Für die Praxis heißt das vor allem: Es gibt selten die eine „ideale“ Mikrobiota für alle. Sinnvoller ist es, Kontext mitzudenken (Symptome, Lebensstil, Medikation, Ziele) und vorsichtig zu bleiben, wenn aus Beobachtungen vorschnell Nutzenversprechen abgeleitet werden.

Hinweis zur Diagnostik: Mikrobiombezogene Diagnostik ist häufig komplex in der Interpretation. Ohne klinische Einbettung können Ergebnisse missverstanden werden; in der Diskussion wurde betont, dass für viele Fragestellungen ein pragmatischer Fokus auf Lebensstil und Ernährungsmuster oft hilfreicher ist als isolierte Befunde.

Ballaststoffe & fermentierte Lebensmittel: Trends als Türöffner

Trends können eine Chance sein, fachliche Inhalte niedrigschwellig zu platzieren. Themen wie „Fibermaxxing“ zeigen, wie ein Social-Media-Hype ein ernährungswissenschaftlich etabliertes Thema in den Alltag bringen kann – wenn er fachlich übersetzt und eingeordnet wird. Doch wie übersetzt man das für die Praxis?

In der Keynote wurden Ballaststoffe und fermentierte Lebensmittel als praxisnahe Anknüpfungspunkte diskutiert. Insbesondere, weil sie im Alltag von Patientinnen und Patienten bzw. Klientinnen und Klienten konkret adressierbar sind.

Ballaststoffe/ SCFA: Mechanismen klar markieren

Viele Ballaststoffe werden im Dickdarm von Mikroorganismen fermentiert. Dabei entstehen u. a. kurzkettige Fettsäuren (SCFA) wie Butyrat. In der wissenschaftlichen Diskussion werden SCFA im Kontext von Barrierefunktionen und immunologischen Signalwegen beschrieben. Welche klinische Relevanz sich daraus ableiten lässt, hängt jedoch von Population, Setting und Endpunkten ab. Hier gilt es, den Mechanismus klar zu benennen, ohne ein „Heilversprechen“ daraus zu machen. (Mechanismus ≠ klinischer Nutzen.)

Fermentierte Lebensmittel: Produkt, Menge, Zielgruppe mitdenken

Fermentierte Lebensmittel sind ein praxisnaher Anknüpfungspunkt, weil sie alltagsrelevant sind. Während Ballaststoffe das vorhandene Mikrobiom „füttern“, bringen Produkte wie Joghurt, Kefir oder Sauerkraut zusätzliche Mikroorganismen und wertvolle Metabolite mit. Die Datenlage zu Effekten ist in vielen Bereichen heterogen und häufig produkt- und personenspezifisch. Kommunikativ lohnt deshalb eine vorsichtige Einordnung und das Vermeiden pauschaler Wirkclaims.

Trends können als Einstieg dienen – wenn sie fachlich übersetzt werden. Das Best Practice Paper nennt „Fibermaxxing“ als Beispiel dafür, wie ein Social-Media-Hype ein evidenzbasiertes Thema niedrigschwellig in den Alltag bringen kann, sofern Fachleute Kontext und Grenzen liefern.

Key Takeaways für die Praxis

 

Reichweite trifft Evidenz: Kooperation statt Konkurrenz

Reichweite und evidenzbasierte Einordnung stehen im digitalen Raum nicht zwingend im Widerspruch aber differenzierte wissenschaftliche Inhalte geraten im Wettbewerb um Aufmerksamkeit leicht ins Hintertreffen. Die Algorithmus-Logik bevorzugt häufig Inhalte, die Emotionen auslösen, polarisieren und Interaktionen erzeugen. Gleichzeitig zeigen Praxiserfahrungen: Sichtbarkeit entsteht nicht nur durch Zuspitzung, sondern auch durch kontinuierliche Präsenz, klare Themenfokussierung und Kommunikation auf Augenhöhe.

Gute Gesundheitskommunikation auf Social Media ist keine Frage von ‚Entweder Fachkraft oder Influencer‘, sondern von Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Content Creator schaffen Reichweite, da sie in der Praxis wirksam kommunizieren: Sie verstehen Plattformlogiken, erzählen anschlussfähig, kennen Sprache und Bedürfnisse ihrer Communities und bauen Beziehung auf. Das ist kein Ersatz für Expertise aber eine Kompetenz, die sich mit evidenzbasierter Einordnung sinnvoll verbinden lässt. Vertrauen entsteht hierbei nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung. Wie Laura Merten betont, suchen Menschen im Netz weniger nach nackten Fakten, sondern nach einem Orientierungsrahmen.

 

Warum Kooperationen so wirkungsvoll sein können:

  • Multiplikator-Prinzip: Fachwissen liefert die Substanz, Creator liefern das Verständnis für Community-Management und Algorithmen.
  • Gegenstimme stärken: Gemeinsam lassen sich Fehlinformationen (z. B. zu extremen Detox-Kuren oder pauschalen Supplement-Versprechen) viel effektiver thematisieren.
  • Glaubwürdigkeit: Transparente Zusammenarbeit zwischen Industrie, Wissenschaft und Influencern schafft langfristiges Vertrauen.

Zusammenarbeit kann besonders dann tragfähig sein, wenn Rollen, Quellenstandards und Transparenz vorab geklärt sind. Statt Konfrontation hilft oft „Einordnen mit Grenzen“: Was ist plausibel, was ist unklar, was gilt nicht?

Praxisimpuls: Kooperations-Check

Rollen klären: Wer liefert Evidenz? Wer übersetzt? Wer moderiert Community-Fragen?

 

Qualitätsstandard festlegen: Quellen, Grenzen, keine Absolutismen.

 

Transparenz sichern: Kooperationen und mögliche Interessen sichtbar machen.

Snackable Science: Studien übersetzen, ohne zu verzerren

Wie lassen sich komplexe Studieninhalte in einem 30-sekündigen Reel, einem 3-Slide-Karussell oder einem kurzen Post vermitteln, ohne zu verzerren? Das Stichwort lautet Snackable Science. Dabei geht es nicht darum, Wissenschaft zu verwässern, sondern sie so aufzubereiten, dass sie emotional und intellektuell nicht überfordert. Snackable Science heißt also nicht „oberflächlich“, sondern: eine klare Kernbotschaft, die einordenbar bleibt. Kurze Videos, Infografiken oder Storytelling sind dabei keine Vereinfachung um jeden Preis, sondern eine Form der Übersetzung. Mit dem Ziel, Orientierung zu geben und Unsicherheiten zu reduzieren.

 

4 Schritte vom Paper in die Praxis (oder den Post)

  1. Kernbotschaft definieren: Was ist die eine Aussage, die für die Zielgruppe (z. B. Patientinnen mit Reizdarm) wirklich relevant ist?
  2. Alltagsfrage wählen: Welches reale Problem löst diese Studie? (z. B. „Helfen fermentierte Lebensmittel wirklich bei Blähungen?“)
  3. Grenzen nennen (Prebunking): Was sagt die Studie nicht? (Studiendauer, Population, Tierversuch vs. Humanstudie).
  4. Format entscheiden: Kurzes Video für die Aufmerksamkeit oder ausführlicher Text für die Tiefe?

Fehlerkultur: Personal Branding als Orientierungsanker

Auf der Suche nach Orientierung inmitten der Informationsflut wird Vertrauen zur Filterfunktion. Für HCPs ist Personal Branding daher kein Selbstzweck, sondern ein Service an der Zielgruppe – wenn es um verlässliche Einordnung geht und nicht um „Reichweite um jeden Preis“. In einer Flut von Falschinformationen dient ein klares Profil als „Vertrauensanker“. Expertise wird auffindbar, wenn Themenfokus, Konsistenz und Transparenz stimmen.

Prebunking & Debunking: Vertrauen durch Transparenz

  • Prebunking: mögliche Missverständnisse proaktiv ansprechen, bevor sie sich verfestigen.
  • Debunking: sachlich korrigieren, wenn Inhalte falsch verstanden wurden; transparent, ohne „stilles Editieren“.

Gerade deshalb kann eine sichtbare Fehlerkultur ein Qualitätsmerkmal sein: Debunking (Korrektur von Mythen) und Prebunking (proaktives Ansprechen von Missverständnissen) sind mächtige Werkzeuge, um Glaubwürdigkeit aufzubauen.

Dr. Luisa Werner fasst es treffend zusammen:

Menschen suchen keine Informationen, sondern Vertrauen.

Erfolg wird in sozialen Medien über Sichtbarkeit, Interaktion und Zielgruppenrelevanz definiert. Werte und Zielgruppe prägen Frequenz und Tonalität. In der Praxis heißt das: lieber konsistent und klar eingeordnet als sporadisch und „perfekt“.

 

Ausblick: Mitgestaltung statt Rückzug

Der digitale Raum braucht die Stimme der Wissenschaft, mehr denn je. Es gibt keine „One-Size-Fits-All“-Lösung, um soziale Medien zu einem Raum verlässlicher Orientierung zu machen. Entscheidend ist jedoch: Wirkung entsteht nicht durch Rückzug, sondern durch Mitgestaltung. In einer Rolle, die zur eigenen Expertise und zu den verfügbaren Ressourcen passt. Ob als aktiver „Medfluencer“ oder als beratender Experte im Hintergrund: Die Mitgestaltung der digitalen Ernährungskommunikation ist eine Investition in die Patientengesundheit von morgen.

Daraus lassen sich drei Bausteine bündeln

  1. Kompetenzen aufbauen: Plattformverständnis, Zielgruppenfokus, Übersetzungsfähigkeit, Dialogkompetenz.
  2. Strukturen schaffen: Gute evidenzbasierte Kommunikation braucht Zeit, Professionalität und Kontinuität. Oft fehlt die wirtschaftliche Grundlage dafür und Sichtbarkeit entsteht oft „nebenbei“.
  3. Kooperationen stärken: Wirkung entsteht im Zusammenspiel: wenn Reichweite, Fachkompetenz und Community-Nähe zusammenwirken.

Nicht jede Fachperson muss zur Influencer-Rolle wechseln. Entscheidend ist, dass evidenzbasierte Einordnung dort stattfindet, wo Menschen Fragen stellen: im Gespräch, in Fortbildung, in Praxisformaten und, wenn es zur eigenen Rolle passt, auch im Feed.

 

Über Yakult Science for Health

Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen hochkarätiger Wissenschaft und der täglichen Beratungspraxis. Yakult Science for Health bietet evidenzbasierte Fachinformationen und vernetzt Experten aus Forschung, Klinik und digitaler Kommunikation. Unser Ziel: Darmgesundheit und Mikrobiom-Forschung verständlich und nachhaltig in die Gesellschaft zu tragen.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen einem Nutrition Influencer und einem Content Creator?

Nutrition oder Medical Influencer verfügen über eine mindestens dreijährige Ausbildung oder einen akademischen Abschluss im jeweiligen Fachbereich. Content Creator hingegen erstellen Inhalte ohne zwingenden fachlichen Hintergrund, oft mit Fokus auf reinem Lifestyle oder persönlicher Erfahrung.

Was versteht man unter „Snackable Science“?

Snackable Science ist die Kunst, komplexe wissenschaftliche Evidenz in leicht konsumierbare, alltagsnahe Botschaften zu übersetzen, ohne die wissenschaftliche Präzision zu verlieren. Ziel ist es, Orientierung zu geben, statt durch Informationsflut zu überfordern.

Warum spielen kurzkettige Fettsäuren (SCFAs) eine Rolle für die Darmgesundheit?

SCFAs wie Butyrat entstehen bei der Fermentation von Ballaststoffen im Dickdarm. Sie dienen den Darmzellen als Energiequelle, stärken die Darmbarriere und modulieren das Immunsystem.

Abschlusswort von Yakult Science for Health: Gemeinsam die digitale Zukunft gestalten

Wissen allein reicht im Jahr 2026 nicht mehr aus. In einer Welt, in der Algorithmen oft darüber entscheiden, welche Gesundheitsinformationen unser Bewusstsein erreichen, ist die evidenzbasierte Kommunikation zu einer neuen Kernkompetenz für HCPs geworden.

Unser Event „Science meets Social Media“ hat eines deutlich gezeigt: Wir stehen nicht vor der Wahl zwischen wissenschaftlicher Präzision und digitaler Reichweite. Wir müssen beides vereinen.

Yakult Science for Health versteht sich dabei als Ihr Partner, Netzwerker und Brückenbauer. Wir möchten die Lücke zwischen Labor und Lebenswelt, zwischen Fachpublikation und Newsfeed schließen. Denn nur wenn fundierte Erkenntnisse über das Mikrobiom, Ballaststoffe und die Darmgesundheit dort ankommen, wo Menschen täglich ihre Entscheidungen treffen, entfaltet Wissenschaft ihre volle Wirkung für die Prävention.

Das gemeinsam mit NUTRITION HUB entwickelte Best Practice Paper ist für uns mehr als nur ein Dokument: es ist eine Einladung zum Dialog und zum Handeln. Lassen Sie uns die digitale Aufklärung gemeinsam proaktiv gestalten: mit Mut zur Sichtbarkeit, Lust am Storytelling und einem unerschütterlichen Fundament aus Fakten.

Wir freuen uns darauf, diesen Weg gemeinsam mit Ihnen weiterzugehen!

 

Transparenzhinweis

Dieser Beitrag basiert auf Inhalten und Diskussionen des Events „Science meets Social Media“ (06.11.2025). Das begleitende Best Practice Paper wurde von Nutrition Hub erstellt; im Paper sind Transparenzangaben zur Entstehung und zum Kontext der Zusammenarbeit enthalten.

 

Quellen

  • Nutrition Hub. Science meets Social Media: Best Practice Paper zur digitalen Ernährungskommunikation. NUTRITION IMPACT HUB gUG; 2026.
  • Yakult Science for Health. Science meets Social Media: Zwischen Fakten und Followern. Veranstaltung in Düsseldorf, 6. November 2025. (Vorträge, Expertenstatements, Impulse und Diskussionen). Mit Beiträgen von PD Dr. Corinna Bang (IKMB), Prof. Dr. med. Stephan C. Bischoff (Uni Hohenheim), Dr. med. Luisa Werner, Laura Merten, Julia Reuter.