Reizdarm und Depressionen: Zusammenhänge über die Mikrobiota?

Eine veränderte Darmmikrobiota ist sowohl mit dem Reizdarmsyndrom als auch mit Depressionen assoziiert. Welche Zusammenhänge hier bestehen, ist dennoch unklar. Vergleichende Stuhlanalysen von Patienten mit einer oder beiden Erkrankungen liefern erste Hinweise.

Veränderte Schmerzwahrnehmung bei Patienten mit Reizdarmsyndrom (RDS) weist auf eine Verbindung vom Darm zum Hirn hin. Eine häufige Beschwerde stellt abdominaler Druck und Völlegefühl dar sowie eine starke viszerale Überempfindlichkeit. Die zugrundeliegende Dysbiose im Darm von Reizdarmpatienten ruft einen pro-inflammatorischen Immunstatus hervor. Immunzellen in der Darmschleimhaut senden immunologische und endokrine Signale über die Hirn-Darm-Achse ans Gehirn und beeinflussen dort chemische Vorgänge und die Art auf Stress und Schmerz zu reagieren. Spezifische Bakteriengruppen im Darm tragen zu diesen Mechanismen bei.

Originalpublikation

Grafik: Mikrobiotaprofiltypen I, II und III in Kontrollen sowie Patienten mit Reizdarmsyndrom, Depression und Komorbidität. Typ I= Bacteroides dominant, Typ II= Prevotella dominant, Typ III= ausgewogen.

Wie sieht das mikrobielle Profil bei Menschen mit Reizdarmsyndrom, Depression oder einer Komorbidität aus? Und in welchem Zusammenhang stehen immunologische Marker des Darms bei diesen Gruppen? Zur Klärung dieser Fragen sequenzierten Wissenschaftler Stuhlproben von 40 Reizdarmpatienten des Subtyps Diarrhoe, 15 Patienten mit Depression, 25 Patienten mit beiden Erkrankungen (Komorbiditätsgruppe) sowie von 20 gesunden Kontrollen. Die Auswertung zeigte eine stark reduzierte Diversität der Mikrobiota in allen Patientengruppen im Vergleich zur gesunden Kontrolle (p<0,001 bis p< 0,01). Allerdings wies die Komorbiditätsgruppe weniger mikrobielle Variation als Patienten mit Reizdarm oder Depression. Bei allen Patientengruppen wurden deutlich weniger Firmicutes und dafür mehr Bacteroidetes gemessen. Die Betrachtung der Mikrobiota auf Genus Level brachte drei starke Muster hervor: Ein hoher Anteil von Bacteroides (Typ I) oder von Prevotella (Typ II) unterschied sich von einer eher ausgewogenen Mikrobiota (Typ III). Insgesamt zeigten 85% der Reizdarmpatienten ein Mikrobiotaprofil vom Typ I und II, ebenso 80% der Patienten mit Depression. Bei gesunden Probanden überwog Typ III – die eher ausgewogene Mikrobiota – mit 95%. Interessanterweise zeigte die Komorbiditätsgruppe ein gemischtes Mikrobiotaprofil mit vermehrtem Typ III Anteil.

Anhand der Entnahme von Dickdarmgewebe konnten bei Patienten mit den Mikrobiotaprofilen Typ I und Typ II signifikant mehr inflammatorische Marker Vergleich zu Typ III nachgewiesen werden (Monozyten, Chemotaktisches Protein 1, Makrophagen Inflammatorisches Protein 1, Mastzellen sowie CD3+ T-Zellen, p<0,001 bis p<0.05). Die erhöhten Entzündungsmarker in der Dickdarmschleimhaut korrelierten mit gemessenen Werten für Bauchschmerzen und Hypersensitivität. Wie die geringere Variation vom mikrobiellen Profil der Komorbiditätsgruppe zustande kommt, lädt zur Diskussion ein und muss in weiteren Studien untersucht werden.

Originalpublikation

Liu Y, Zhang L, Wang X, Wang Z, Zhang J, Jiang R, Wang X, Wang K, Liu Z, Xia Z, Xu Z, Nie Y, Lv X, Wu X, Zhu H, Duan L (2016). Similar Fecal Microbiota Signatures in Patients With Diarrhea-Predominant Irritable Bowel Syndrome and Patients With Depression. Clin Gastroenterol Hepatol 14:1602-1611. (PubMed)

Informationen für medizinische Fachkreise – Nicht zur Weitergabe an Patienten