Neue Ansätze für Reizdarm-Patienten

Das Reizdarmsyndrom wird derzeit als post-entzündliche und stress-bezogene Erkrankung angesehen. Seine multifaktoriellen Ursachen und die Rolle der Darmmikrobiota sind Bestandteil aktueller Forschung. Italienische Wissenschaftler haben in einem Übersichtsartikel den Wissensstand zum Zusammenspiel von Darmbakterien beim Reizdarmsyndrom zusammengefasst und klinische Studien mit Probiotika bewertet.

Der Reizdarm ist eine heterogene, funktionelle Störung des Magen-Darm-Trakts mit unterschiedlichen Leitsymptomen wie Verstopfung, Durchfall, Schmerzen o.ä. Untersuchungen der Darmmikrobiota von Reizdarm-Patienten zeigen klare Unterschiede zu gesunden Individuen: Es liegt sowohl eine geringere Diversität als auch verschobene Proportionen mikrobieller Populationen vor. Beispielsweise ist die Fülle an Lactobazillen und Bifidobakterien stark reduziert, die von Aerobiern dafür erhöht. Diese Dysbiose begünstigt eine unterschwellige Entzündung in der Darmschleimhaut und trägt zur Durchlässigkeit der Darmbarriere bei. Immunzellen werden durch diverse Darmbakterien aktiviert und gelangen in den systemischen Kreislauf.

Dass eine Infektion den Reizdarm auslösen könnte, wird durch das postinfektiöse Reizdarmsyndrom untermauert: circa 10% aller Reizdarm-Patienten erlitten zuvor einen Magen-Darminfekt. Klinische Studien zeigen, dass Probiotika hier gezielt helfen können: die Integrität der Darmbarriere wird stabilisiert, potentiell pathogene Bakterien aus dem Darm verdrängt und eine moderate Immunantwort hervorgerufen.

Grafik: Wechselspiel beim Reizdarmsyndrom und Ansätze für Patienten

Sowohl die bei Reizdarm-Patienten veränderte Darmmotilität als auch die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit von viszeralen Empfindungen wird mit einer gestörten Kommunikation in der bidirektionalen Darm-Hirn-Achse in Zusammenhang gebracht. So kann Stress u.a. die Motilität des Darms verändern und zu Verstopfung sowie Diarrhoe führen. Studien zeigen, dass Probiotika  (z.B. Escherichia coli Nissle 1917) die glatte Muskulatur stimulieren und so die Kontraktionskraft des Kolons verstärken – was die Darmmotilität anregt. Stress führt außerdem zur Ausschüttung von Kortisol, welches die enteralen Neuronen und die glatten Muskelzellen aktiviert. Die viszerale Sensitivität wird gestört und erhöht die Schmerzempfindlichkeit im Darm. Bauchschmerzen, Völlegefühl oder Schmerzen beim Stuhlgang sind die Folge. Forscher fanden zudem vermehrt aktivierte Mastzellen in der Darmschleimhaut von Reizdarm-Patienten, welche eventuell nahegelegene Nervenzellen aktivieren können und so eine Überempfindlichkeit verstärken.

Die Autoren des Übersichtsartikels schlussfolgern, dass eine Probiotika in Form von Bifidobakterien und/oder Lactobazillen in Einzel- oder Mischpräparaten in den vorliegenden Studien sämtliche Symptome des Reizdarms signifikant verbesserten. Allerdings sind die Studien heterogen und Ergebnisse variieren durch teilweise unzureichende Stichproben-Größen oder schlechtes Studiendesign, so dass eine genaue Empfehlung von Art und Menge probiotischer Bakterien bei einzelnen Reizdarm-Subtypen vorerst eine Herausforderung bleibt.

Originalpublikation

Distrutti E, Monaldi L, Ricci P, Fiorucci S (2016). Gut microbiota role in irritable bowel syndrome: New therapeutic strategies. World J Gastroenterol 22:2219-41.

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