Interview mit dem Studienleiter Dr. Carl Hulston

Dr. Carl Hulston ist Dozent für Sporternährung an der Loughborough University in Großbritannien. Er erforscht den Einfluss von Ernährung und Sport auf den Metabolismus und publizierte kürzlich eine Studie zu Insulinresistenz und Probiotika in der anerkannten Fachzeitschrift British Journal of Nutrition.

Dr. Hulston, wodurch entwickelt sich eine Insulinresistenz?

Insulinresistenz ist eine komplexe Stoffwechselstörung, verschiedenste Ursachen wurden bisher identifiziert. Oft liegt eine gestörte Glukoseaufnahme in der Skelettmuskulatur vor, sowie eine erhöhte Glukoseproduktion in der Leber und/oder eine gestörte Insulinsekretion. Eventuell spielt auch die Darmmikrobiota eine wichtige Rolle in der Pathophysiologie der Insulinresistenz – über einen Mechanismus, der mit zunehmender Darmpermeabilität, metabolischer Endotoxämie durch LPS im Blut and systemische Inflammation in Zusammenhang steht.

Die Forschung zu Probiotika und Diabetes steckt noch in den Kinderschuhen. Wie kamen Sie auf die Idee für Ihr Forschungsprojekt?

Daten aus Tierstudien haben gezeigt, dass die Modulation der Darmmikrobiota durch Prä- oder Probiotika die LPS-Menge im Blut reduzieren kann (=geringere metabolische Endotoxämie) und die glykämische Kontrolle im adipösen Diabetes-Mausmodell verbessern. Wir wollten dies unbedingt beim Menschen weiterführend untersuchen, um zu sehen, ob Probiotika in der Prävention von Insulinresistenz und Typ 2 Diabetes hilfreich sein können.

Können Probiotika eine Rolle in der Behandlung von Adipositas und/oder Typ 2 Diabetes spielen?

Es ist vermutlich noch zu früh hier kühne Aussagen zu machen, aber unsere ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Ich würde jedoch anregen, Probiotika als Bestandteil eines gesunden Lebensstils anzusehen, welcher das Risiko einer Insulinresistenz und eines Typ 2 Diabetes reduziert.

Können Sie uns die Rationale für Ihren Studienaufbau erläutern?

Eine kurzfristige, fettreiche Diät kann zu Insulinresistenz führen, wie sowohl Tier- als auch Humanstudien zeigen. Außerdem wird die Darmmikrobiota hierbei verändert.

Wenn diese Veränderungen tatsächlich für die Entstehung einer Insulinresistenz mitverantwortlich sind, glauben wir, dass Probiotika wie Lactobacillus casei Shirota einer durch fettreiche Diät induzierten Insulinresistenz vorbeugen können.

Was glauben Sie sind die Schlüsselmechanismen von Probiotika, die den beobachteten Insulineffekten Ihrer Studien zugrunde liegen?

Der wahrscheinlichste Mechanismus ist, dass die Probiotika eine systemische Entzündung verhindern (welche Insulinresistenz in verschiedenen Geweben verursachen kann), indem sie die Darmbarriere erhalten und einer LPS-Translokation in den Blutkreislauf entgegenwirken. Aber diese Hypothese muss noch in weiteren Studien bestätigt werden.

Welchen Einfluss hat eine fettreiche Diät auf die Darmmikrobiota?

Studien haben gezeigt, dass Diäten mit hohem Fettanteil zu einem erhöhten Verhältnis von Bacteriodetes (gramnegative Bakterien) zu Firmicutes (grampositive Bakterien) im Darm führen, im Vergleich zu einem gesünderen moderaten Fettkonsum. Eine Zunahme von gramnegativen Bakterien im Darm ist problematisch, da deren Membran-Komponenten (z.B. LPS) zu Entzündungen induzieren.

Wie sehen Ihre zukünftigen Forschungspläne aus?

Unser unmittelbarer Plan ist, diese vielversprechenden Ergebnisse in einer deutlich größeren Kohorte weiter zu untersuchen und auch zusätzliche mechanistische Parameter mit zu erfassen.